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Sind bei Gedächtnisverlust auch die Emotionen verloren?

31. August 2010 Keine Kommentare
Emotionen bestehen länger als die explizite Erinnerung an ein Ereignis Eine neue Studie aus den USA an Patienten mit schwerem Gedächtnisverlust zeigt, dass Emotionen, die von Erlebnissen ausgelöst werden, länger fortbestehen können als die Erinnerung an das tatsächliche Geschehen. Die Forscher hoffen, dass ihre Ergebnisse zu einem besseren Verständnis für Alzheimer und ähnliche Erkrankungen beitragen und zugleich auch Betreuer und Familienangehörige ermutigen. Denn diese können nun darauf vertrauen, dass ihre Patienten und Verwandten die Wärme von Besuchen und Gesprächen noch weiter spüren, auch wenn sie sich nicht mehr daran erinnern. Die Studie der Wissenschaftler von der University of Iowa in den USA erscheint in der Aprilausgabe 2010 der Proceedings of the National Academy of Sciences, PNAS. Justin Feinstein, der erste Autor der Studie und Doktorand der Neuropsychologie an der University of Iowa betont: „Ein einfacher Besuch oder Telefonanruf von Verwandten kann einen bleibenden positiven Einfluss auf das seelischeWohlbefinden des Patienten haben, auch wenn er vielleicht den Besuch oder den Anruf als solchen schnell vergisst.” Gefühle aufgrund von Zuwendung oder Vernachlässigung halten trotz Vergessens an Aber Feinstein beschreibt auch die Kehrseite: „Andererseits kann die Vernachlässigung durch Pflegepersonal in Heimen, wenn sie zur Gewohnheit wird, bei Patienten Gefühle von Trauer, Enttäuschung und Einsamkeit hinterlassen, obwohl der Patient nicht mehr weiß, woher sie kommen“. Feinstein und seine Mitarbeiter untersuchten fünf Patienten mit einer seltenen Form von Gedächtnisverlust, die durch einen Schaden im Hippocampus verursacht wird. Schäden in dieser Gehirnregion bewirken, dass die Patienten neue Erinnerungen nicht mehr behalten können. Der Hippocampus spielt eine entscheidende Rolle beim Transfer von Erinnerungen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis und ist eine der Gehirnregionen, wo die Schäden bei Alzheimer-Kranken zuerst auftreten. Für die Studie spielten die Forscher den Patienten kurze Ausschnitte von traurigen und fröhlichen Filmen vor. Obwohl sie sich an Details der Filme nicht erinnern konnten, blieben dennoch die Gefühle erhalten, die die Handlung bei ihnen auslöste. Jeder Patient sah sich zwanzig Minuten lang einen traurigen Film an. Dann testeten die Forscher sein Gedächtnis und seine Stimmung. An einem anderen Tag sah er sich zwanzig Minuten lang einen fröhlichen Film an, gefolgt von den gleichen Tests. Trauer vergeht langsamer als Fröhlichkeit Die Forscher beobachteten, wie die Filme bei den Patienten die zu erwartenden Emotionen auslösten, die von laut Auflachen bei fröhlichen bis zu Tränen bei traurigen Filmen reichten. Etwa zehn Minuten nach Ende eines Filmclips testeten Feinstein und seine Mitarbeiter das Tatsachengedächtnis der Patienten, um zu sehen, an wie viel sie sich noch erinnern konnten. Jemand mit einem normalen Gedächtnis hätte sich an ungefähr dreißig Details aus jedem Filmclip erinnern sollen, aber diesen Patienten gelang das nicht: ein Patient konnte sich an kein einziges Detail mehr erinnern. Dann stellten die Forscher den Patienten weitere Fragen, um ihren Gefühlszustand zu untersuchen. Feinstein beobachtete, dass sie immer noch das gleiche Gefühl wie während des Films empfanden und, dass „Trauer oft etwas länger anhielt als Freude, aber beide Emotionenhielten sich deutlich länger als die Erinnerung an die Filme.” „Bei gesunden Menschen kann man sehen, wie Gefühle mit der Zeit verblassen. Aber bei zwei dieser Patienten verblassten sie nicht. Im Gegenteil, sie blieben noch lange weiter traurig“, fügt er hinzu. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass ihre Ergebnisse zeigten, wie „positive und negative Gefühlserfahrungen unabhängig von einem expliziten Gedächtnis für das Ereignis, das sie ausgelöst hat, fortbestehen können.” Des Weiteren sind sie „ein direkter Beweis dafür, dass ein Gefühlszustand länger anhalten kann als die bewusste Erinnerung an die Ereignisse, die ihn ursprünglich ausgelöst haben.“ Forderung nach neuen Pflege-Standards für Alzheimer-Patienten Diese Ergebnisse scheinen der gängigen Vorstellung zu widersprechen, dass bei einem Verlust schmerzlicher Erinnerungen auch das damit verbundene emotionale Leiden aufhört. Vielmehr machen sie deutlich, wie wichtig es ist, sich um die Bedürfnisse von Menschen mit Alzheimer zu kümmern. Nach einem Bericht von Alzheimer’s Disease International (ADI) von 2009 werden im Jahr 2010 weltweit fünfunddreißig Millionen Menschen an Demenz erkranken. Man nimmt an, dass sich diese Zahl alle zwanzig Jahre nahezu verdoppeln und bis 2050 auf 115,4 Millionen anwachsen wird. „Der größte Risikofaktor für Alzheimer ist das Alter eines Menschen, und bis jetzt ist die Krankheit unheilbar”, sagt Feinstein. „Uns steht eine regelrechte Epidemie bevor. Es wird mehr und mehr alte Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen geben und mehr und mehr Menschen mit Alzheimer. Auf die Gesellschaft kommt dann die enorme Aufgabe zu, sich um diese Leute zu kümmern”, meint er und fordert: „[…] wir müssen neue Standards für die Pflege von Patienten mit Gedächtnisstörungen setzen, die auf wissenschaftlichen Fakten beruhen. Unsere Ergebnisse sind ein klarer Beweis, dass die Gründe für einen respektvollen und menschenwürdigen Umgang mit Alzheimer-Patienten über einfache moralische Argumente hinausgehen.“ Dr. Rose Shaw [caption id="attachment_16016" align="alignright" width="133" caption="Dr. Rose Shaw"]Dr. Rose Shaw[/caption] Zur Autorin: Die Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin mit Praxen in München und Düsseldorf ist zugleich Lehrtherapeutin und Dozentin für verschiedene Ausbildungsinstitute. Einige ihrer Fachgebiete: Verhaltenstherapie bei Erwachsenen und Kindern, Klinische Hypnose, Behandlung von traumatischen Störungen, Prüfungs- und Auftrittsangst, kindlicher Adipositas u.v.m. Neben Artikeln in Lehrbüchern und Fachzeitschriften publizierte die Psychologin auch verschiedene Bücher als Co-Autorin. Weitere Informationen auf www.praxis-dr-shaw.de. Quellen: Dr. Rose Shaw, Blog „Psychologie Aktuell“, 21. April 2010 Medical News Today , 13. April 2010 Feinstein et al . Proceedings of the National Academy of Sciences, April 2010
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